Ernst Middendorp & Arminia Bielefeld

JahrhundertTrainer

Anekdoten & Skandälchen

Um Ernst Middendorp ranken sich viele Geschichten und Legenden .... 


Das Arminenherz

Er hat's nicht!
Wir schreiben Sonntag, den 9. Dezember 2007. Arminia hatte zwei Tage zuvor beim 1:6 in Dortmund eine jämmerliche Leistung abgeliefert. Alles redet seitdem über die mögliche Entlassung von Ernst Middendorp. Medien melden sie ab Sonntagmorgen gar als perfekt. Die typischen, gut unterrichteten Kreise sind bestens informiert.  Nur Ernst Middendorp nicht. Dieser "darf" nochmals das Training leiten. Als er nach dem Training aus der Kabine kommt und die auf ihn gerichteten, zahllosen Kameras und Mikrofone sieht, schüttelt Ernst nur mit dem Kopf. »Ich sage etwas, aber nicht hier.« Sprach's, steigt in Co-Trainer Frank Geidecks Mini-Cooper und lässt nach 150 Metern das Auto an der Ausfahrt des Trainingsgeländes stoppen. Ernst steigt aus und hält eine (Abschieds-)Rede, die es in sich hat:

»Faktisch ist es so: Wir haben in Dortmund als Team wieder nicht funktioniert. Ich habe es mit Subunternehmern und Millionären zu tun, unter denen kein Verbund zu erkennen war. Das Grundproblem ist, dass nicht die Bereitschaft existiert, Dinge miteinander zu bewerkstelligen. Die Frage ist: Warum ist das fünf Tage vorher gegen Bayern anders, warum kann man das nicht in Dortmund noch mal abrufen? Wie viele Neue standen dort am Freitag denn auf dem Platz? Ein Neuer. Ein Neuer! Einer!

Wer hat denn die Situation im März hier bewältigt? Wer? Wer? Sagen Sie es ruhig. Da können die Sitzungen machen in welchem Stall auch immer. Seit Monaten muss hier gesprochen werden. Aber was ist? Keiner kommt aus der Kiste. Die Spieler, deren Verträge auslaufen – und das sind verdiente Spieler wie Gabriel, Kauf, Hain, Böhme – die wollen ein Wort haben, wie es mit ihnen weitergeht. Das kann doch hier nicht jedes Jahr erst im Dezember sein! Seit drei Jahren warten die hier bis Dezember auch mit der Suche nach neuen Spielern. Man wird vertröstet. Das gilt für einen von Heesen, das gilt für einen Geideck, das gilt für Middendorp. Es passiert nichts.

Wann haben wir gespielt? Am Freitag! Seitdem warte ich auf einen Anruf (vom Sportgeschäftsführer Saftig), um über das Spiel zu sprechen. Und was passiert? Nichts passiert. Wer hat denn das Arminen-Herz? Herr Saftig? Hier, der hat's (deutet ins Auto von Co-Trainer Frank Geideck), der Geideck. Ich hab's, Kauf hat's, Böhme. Und die anderen verpissen sich! Ich bin seit 20 Jahren Armine! Ich wünsche noch einen schönen Tag.«


Ernst Middendorp steigt ins Auto, verlässt mit Frank Geideck das Trainingsgelände. Eine Handvoll Kiebitze klatscht spontan Beifall. Am nächsten Tag wurde das bestätigt, was längst ganz Deutschland wusste, er war als Trainer gefeuert. (WB)


Ein ungebetener Gast

Kicker Sonderheft 07/08
Der Mann war auffällig unauffällig: Baseballkappe tief im Gesicht, die Kamera locker in der Hand. Doch das »Kicker«-Sonderheft verriet den Spion aus Wolfsburg. Zwei Tage vor dem ersten Fußball-Bundesligaspiel beim VfL Wolfsburg (11.08.07) hatte sich gestern ein »Maulwurf« auf dem Übungsgelände von Arminia Bielefeld eingeschlichen. Doch Ernst Middendorp ließ sich nicht täuschen und stellte den »Spürhund« des Trainerkollegen Felix Magath forsch zur Rede. »Hast du alles, was du brauchst? Sonst schreibe ich es dir auf!«, rief der Bielefelder Coach, inklusive der Bitte Felix Magath einen schönen Gruß auszurichten, dem völlig verdutzten Wolfsburger zu, dem die Erwiderung auf diese direkte Ansprache im Halse stecken blieb. Ob auch er Übungseinheiten der Gegner beobachten lasse, ließ Middendorp offen - aber er stellte fest: »Meine Leute müssen in der Lage sein, Spieler ohne Fotoapparat und Kicker-Heft zu identifizieren.« Sein lakonisches Urteil über den ungebetenen Gast: »Ich denke, der hatte in den letzten Jahren keine Bundesliga-Gesichter gesehen.« (WB)



Vier Glas Chardonnay

Wir begrüßen Sie im Gerry Weber Sportpark Hotel
Es war so ein wichtiger Sieg, so ein eminent wichtiger Sieg, jenes ruhmreiche, unvergessene 3:2 beim VfL Wolfsburg am 21.4.07, welches einen großen Schritt Richtung Klassenerhalt darstellte, die Fans in einen feuchten Freudentraumel versetzte. Auch der mit Adrenalin vollgepumpte Ernst Middendorp wollte das Ergebnis angemessen begießen, was freichlich nichts verwerfliches ist. Zuerst war er bei seinem Griechen Vasillie in Bielefeld, nahm dort vier Wein-Schorlen zu sich. So weit, so gut. Danach fuhr er mit seinem schnieken Mercedes CLS zu seiner Wohnstätte, dem Sport-Hotel in Halle/Westfalen, wo Arminia ihn rund 10 Kilometer vor den Toren von Bielefeld einquartiert hatte. Da es noch früh am Tag (kurz nach 0 Uhr), und an Schlafen nach dem Wolfsburger Adrenalinschub nicht zu denken war, nahm Ernst Middendorp noch an der Hotelbar Platz, unterhielt sich ein wenig mit einem HSV-Fan und trank vier Glas Chardonnay, welche er um 2:12 Uhr artig bezahlte. Danach wollte er nur noch auf sein Zimmer und schlafen, was man prinzipiell nach vier Glas Chardonnay auch gut kann. Aber wozu ins Bett gehen, wenn man einen CLS 320 hat? Ein Auto, welches bequemer ist als jedes Schlafzimmer! Kann man schon mal verwechseln. Um 2:53 entdeckt ein Passant den auffälligen Wagen sperrig am Straßenrand geparkt, mitten in Halle/Westfalen nahe der B68, inklusive einem Insassen. Über dem Lenkrad schlief Ernst Middendorp friedlich den Schlaf der Gerechten. Und wer nach so einem Tag schläft, der schläft dann auch und lässt sich nicht ohne weiteres wach machen. So rücken Polizei und ein Krankenwagen aus. Und es gelingt ihnen tatsächlich Ernst aus den süßen, punktereichen Träumen zu holen, was er natürlich weder belustigt, noch verständnisvoll erwidert. Wie er denn dahin gekommen sei? Ja keine Ahnung! Grund genug Ernst Middendorp zwecks einer Blutprobe mit ins nächste Krankenhaus zu nehmen und ihm die Fahrerlaubnis umgehend zu entziehen. 1,82 Promille kamen dabei zum Vorschein, was für vier Glas Chardonnay ein recht ungewöhnlicher Wert ist. Und was sagt Ernst, der künftig chauffiert wird, mit nüchternem Kopp dazu? „Ich kann mich nicht erinnern, wie ich dahin gekommen bin, hatte mich aber müde und kaputt gefühlt. Mir fehlt gedanklich ab ca. 1.30 Uhr etwa 1 Stunde! Ein riesiges Rätsel.“ Ein Rätsel was nicht nur rätselhaft ist, sondern dummerweise auch noch teuer: 24.900 €.


Ein Trainingsgelände wie Bayern

Bald in Bielefeld?
Es war ein außergewöhnlicher Meisterschaftskampf, der in der Saison 1997/98. Nein, nicht wegen den Bayern aus München, sondern weil der Aufsteiger aus Kaiserslautern drauf und dran war, den Bayern den Titel streitig zu machen. Arminia Bielefeld  dagegen agierte von Spiel zu Spiel unglücklicher und verschenkte reihenweise die Punkte, der Abstieg war kaum mehr zu vermeiden. Zu diesem Zeitpunkt, im April 1998 stellten sich die beiden Titelanwärter noch auf der Alm vor. In einem denkwürdigen Spiel rangen die Bayern der Arminia mit viel Glück ein 4:4 ab. Gerüchte besagten, Georg Koch hätte an jenem Tag einen im Kahn gehabt. Und auch Oli selber guckte bei den Gegentoren ziemlich dumm aus der Wäsche. Arminia ließ sich im Angesicht des Abstieges nicht hängen. Den roten Teufeln gelang keine zwei Wochen später ähnliches, beim 2:2 entführten sie mit viel Dusel einen Punkt von der Alm. Dieses schien FCK Coach Otto Rehhagel nicht gut zu bekommen und echauffierte sich beim anschliessenden Trainerinterview: "Geschmacklos" sei es und "der Witz des Jahres". Aber worüber sprach er nur? Das Spiel war es nicht. Was war passiert? Eine Arminia-Delegation, bestehend aus Ernst Middendorp, Manager Rüdiger Lamm & Manager-Zögling Thomas von Heesen, inspizierte das Trainingsgelände (!) des FC Bayern (!!) einen Tag (!!!) vor der Kaiserslautern-Partie in München !!!! Arminia hatte damals große Pläne, man orientierte sich halt nur am Besten. Allerdings war der Besuch in München schon seit Wochen geplant, niemand konnte ahnen, dass das Lautern-Spiel wegen einem Castor-Transport verschoben werden müsse. Otto hatte seinen Rauswurf kurz vor dem UEFA-Cup Finale 1996 bei den Bayern aber offenbar noch nicht verdaut: "Wir hatten hier ein wunderschönes Hotel. Im nächsten Jahr kommen wir gerne wieder nach Ostwestfalen. Dann spielen wir aber nicht in Bielefeld, sondern in Gütersloh!" (die um den Aufstieg kämpften). Ernst Middendorp staunte sichtlich nicht schlecht und bemerkte kopfschüttelnd lapidar: "Das ist für mich infantiles Gerede." Mit einer Fahrt nach Gütersloh wurde es übrigens nichts, die Meisterschaft sollte Otto Rehhagel vertröstet haben.


Mit dem Taxi auf der A2

Bilderrätsel
Am 11. April 1998 verliert Arminia  0:2 beim Hamburger SV. Niedergeschlagen stiegen die Bielefelder in den Bus Richtung Heimat. Schauten unterwegs im Bord-TV "ran - Sat1 Bundesliga". Höhe Hannover wurde ihre Pleite gezeigt. In einem TV-Interview wies Kuntz süffisant lächelnd wieder einmal jegliche Mitschuld an der Niederlage von sich. Zuviel für Ernst Middendorp! Der fuhr den Busfahrer an: „Anhalten! Ich kann den Kerl nicht mehr sehen! Ich steige aus!“ Machte er wirklich - und fuhr von der  Raststätte Hannover-Garbsen per Taxi ganz alleine nach Bielefeld zurück. Fortan nahm er den Begriff "Kuntz" nicht mehr in den Mund. Sprach nur noch von „meiner Nummer 11“. Präsident Schwick zu der Fahrt: "Die 220 DM dafür muss er selbst bezahlen."

Sechs Tage zuvor war Ernst Middendorp noch Gast in der SAT1 Fußballsendung "ranissimo". Dort gab Günther Kraume, der Konditor seines Vertrauens, ihm den Tipp per Einspieler: "Ruhig mal gelassener zur Tat schreiten." Ernst quittierte den gut gemeinten Ratschlag mit einem Augenzwinkern, wohl wissend, dass ihm die Umsetzung schwer fallen würde. Immerhin hat er fast eine Woche durchgehalten.


Von Bratwürsten und Schweinen

Knien Sie nieder, Sie Bratwurst!
Nach dem Bielefelder 3:5 Sieg beim 1. FC Köln am 22.11.97 lagen die Nerven im Müngersdorfer Stadion auf allen Seiten blank. Während einige Kölner Fans am Marathon-Tor "wenn wir absteigen, schlagen wir euch tot" und "Scheiss Millionäre" krakeelten, konnte auch Ernst Middendorp sich nicht so recht freuen, zu viel hatte sich angestaut, und holte zum Rundumschlag gegen die lokale Journalie aus, die seit Wochen keine Gelegenheit ausließ, um ihn zu provozieren. Radio Bielefeld Reporter Roman Wittemeier interviewte gerade Arminas Jörg Bode kurz nach Abpfiff, als plötzlich Ernst Middendorp um die Ecke kam, den Spieler in die Fankurve schicken wollte. Der Trainer drückte das Mikrofon zur Seite und knurrte der Legende nach aufbrausend: "Hauen Sie ab, Sie A*******h, Sie Schwein, nehmen Sie das Mikro weg!"  Und vergab darüber hinaus die schlimmste Beleidigung im Fußball überhaupt: "Knien Sie nieder, Sie Bratwurst!" Eines muss man dem guten Ernst lassen, auch in Phasen höchster Erregung bewahrt er die Form und siezt seinen Gegenüber. Das war jedoch noch nicht alles. Bei der kurz darauf folgenden Pressekonferenz präzisierte der zornige Fußball-Lehrer seine Ansichten über Journalisten in einer Sprache, die auf dem Fußballplatz jeder versteht: 

"Ich bin im Moment in so einer Situation, muss ich sagen, wo es sehr schweinisch ist, was halt eben dort mir begegnet. [...] Ich habe also immer auch akzeptiert, wenn gesagt wurde: 'Kuntz gewinnt das Spiel, Reina gewinnt das Spiel, Bode gewinnt das Spiel' , alles klar, alles ok, nur bitte ein wenig mehr Achtung insgesamt vor den Trainern, den sportlich Verantwortlichen, das erwarte ich einfach und da kotz ich mich auch mal aus!"  (Die komplette Rede gibts in unserer Video-Abteilung :-)

Ein Journalist?
Damit leistete er sich den Ausraster der Saison. Der so oft mißverstandene Pädagoge Ernst Middendorp, mit dessem Intellekt so mancher überfordert schien, konnte sich nun wirklich sicher sein, dass die Empfänger diese Sendung klar, deutlich und ohne Fehlinterpretation entgegennehmen würden. Peter Neururer ungefragt zum Thema: "Der Ernst hat sich nun selbst als Feindbild der Journaille in Beton gegossen.“ Im DSF verteidigte allerdings Arminen-Manager Rüdiger Lamm seinen Trainer: "Solche Geschichten entstehen nur dadurch, daß man ihn nicht kennt." Wohl wahr, gilt Ernst Middendorp doch abseits des Spielbetriebes als äußerst umgänglicher Zeitgenosse. Aber musste ausgerechnet Rüdiger Lamm ihn in Schutz nehmen? Dieser gab wenige Wochen zuvor Jutta Küster, ebenfalls Radio Bielefeld, die Empfehlung: "Lecken Sie mich doch da, wo Sie es am liebsten haben!" Und zahlte dafür brav 3.500 DM.


Mit 42 fast im Tor

Der Lange
Ich hatte eigentlich schon aufgehört. Ernst Middendorp war damals noch Trainer, und es stand ein Spiel gegen Paderborn an. Am Tag vorher hatte sich Alexander Ogrinc im Training den Fuß verstaucht. Obwohl Arminia zwar damals einen Ersatztorwart hatte, hat mich Rüdiger Lamm angerufen. Es war Samstag morgen, und er meinte am Telefon: "Sitzt du?" Ich wußte nicht, warum ich mich setzen sollte, und er meinte daraufhin, ich solle am Nachmittag spielen. Ich hatte ja schon zwei Jahre aufgehört, und hatte außer ein bißchen Tennis sportlich fast nichts gemacht, geschweige denn Torwarttraining. Ernst Middendorp hätte aber nun gemeint, ich sollte zum Oldentruper Hof zur Mannschaft kommen, denn ich sollte spielen. Ich fragte noch, wie Middendorp sich das vorstelle, und Lamm meinte, der Trainer wollte den anderen Torwart nicht spielen lassen, sondern ich sollte zum Zuge kommen. Dann bin ich halt dahin gefahren, und habe gesagt: "OK, mach´ ich!" Im Endeffekt konnte Ogrinc mit einem speziellen Verband dann doch spielen, und ich habe halt auf der Bank gesessen. Es stand noch im Raum, daß ich eventuell beim nächsten Spiel in Münster auflaufen sollte, falls die Verletzung sich ungünstig entwickeln würde, und so habe ich mich noch ein paar Tage mit der Mannschaft fit gehalten. Zum Einsatz bin ich aber dann nicht mehr gekommen.

(Wolfgang Kneib zu seinem Beinahe-Comeback mit 42 Jahren im Tor der Arminia Ende März 1995)


Parken wie auf Schienen

Bitte nicht den Schienen folgen!
Ernst Middendorp, der notorisch schlecht gelaunte Feldwebel war zu nachtschlafender Zeit angeheitert und dennoch mit dem Auto im ostwestfälischen Oberzentrum unterwegs. Eine ungünstige Kombination aus Fahruntüchtigkeit und Fahrerlaubnis, denn Middendorp übersah die Abbiegespur und parkte sein Gefährt auf die mittig verlaufenden und durch allerlei Böschung dekorierte Straßenbahnschienen (passenderweise gegenüber dem Bielefelder Landgericht). Und von dort gab es kein Entrinnen, nicht nach vorne nicht nach hinten. Doch Middendorp hatte noch eine Volte im Gepäck. Denn zweifellos würde auch der Polizei die Blockfahne im Atem auffallen und der Führerschein wäre erstmal fort.

Dumme Geschichte. Also, was tun? Mit einer Draisine über Nebenstrecken nach Bielefeld-Hillegossen flüchten? Eine fabelhafte Idee, nur keine Draisine in Griffweite. Deshalb verlegte sich Middendorp auf die schlichte Variante, klemmte sich auf den Beifahrersitz und mimte, komatösen Tiefschlaf vortäuschend, den unbescholtenen Bürger. Die alsbald eintreffende Polizei weckte den blinzelnden Laiendarsteller und befragte ihn nach Tathergang und eventuellen Mitfahrern. Und Middendorp, nicht doof, verkündete, der Fahrer des Wagens habe sich vom Acker gemacht. Er sei zwar betrunken, aber habe vom Lenkrad die Finger gelassen. Die Polizeibeamten, auch nicht doof, haben ihm das nicht geglaubt, und der Führerschein wanderte in den Amtstresor.

(11Freunde zur ersten "Autopanne" von Ernst Middendorp 1992)


Die erste Beurlaubung

Arminia Bielefeld hatte zweimal hintereinander knapp den Wiederaufstieg in die 2. Liga verpasst. Im dritten Jahr in der Drittklassigkeit fristete die Mannschaft von Trainer Ernst Middendorp ein Dasein im Tabellenmittelfeld der Oberliga Westfalen, damals die dritthöchste Spielklasse. Vor dem Auswärtsspiel in Paderborn hieß es hinter vorgehaltener Hand, wenn das Spiel verloren geht, fliegt der Trainer. Kurz vor dem Anpfiff kam ein Vorstandsmitglied zu mir und zeigte mir diskret einen Herren, den ich doch bitte unauffällig fotografieren möge. Es sei Franz Raschid, der künftige Trainer. Ich war ziemlich schockiert, denn das Spiel war ja noch gar nicht angepfiffen und Trainer Ernst Middendorp, von dem ich sehr viel hielt, war im Grunde schon Geschichte. Ich habe geknipst. Das Spiel ging verloren, Middendorp, inzwischen längst ein Freund, wurde von dem ehemaligen Uerdinger Bundesliga-Profi Franz Raschid abgelöst. Nach dem Paderborn-Spiel musste ich dann – gegen meine eigene Überzeugung – in der offiziellen Vereinspostille, die in hoher Auflage als Beilage einer Tageszeitung erschien, eine Rechtfertigung für den Middendorp-Rausschmiß schreiben. Bis heute eine meiner schwierigsten Aufgaben im Printbereich. Diese Geschichte habe ich erst letzten Samstag, bei einem gediegenen Fischessen aus Anlass des Arminia-Sieges in Wolfsburg, auf englisch der südafrikanischen Lebensgefährtin von Ernst Middendorp verklickert. "...It was very difficult for me." Die Dame, selbst Autorin, hatte Verständnis für meinen damaligen Zwiespalt. Ernst selbst wollte vor allem wissen, was ich denn damals, nach dem Paderborn-Spiel geschrieben hätte. "Irgendwas, mit dem alle Seiten leben konnten", habe ich gesagt. Wir waren ja zum Feiern gekommen...

(Frank Rischmüller, ehemals Radio Bielefeld, zu der ersten Entlassung von Ernst Middendorp im Oktober 1990)


Gute Freunde kann niemand trennen

"Setz dich endlich hin, du Theoretiker!" Söldes Trainer Ingo Peter, der beim Hinspiel in Bielefeld weges eines 'Osterhasen' in Richtung Linienrichter mit 800 DM Geldstrafe belegt wurde, mag sein Pendant Ernst Middendorp offenbar so wenig, daß er entgegen seiner sonstigen Gewohnheit schon wieder nicht an sich halten kann. Vor allem Middendorps auffordernde Kommentare von der Seitenlinie sind es, die den Coach des Oberliga-Aufsteigers VfR Sölde in Rage bringen. "Wenn der meint, datter den Fußball erfunden hat, warum rennt er dann immer auffen Platz?" Peter ist, wie nicht wenige andere, im schönsten Ruhrgebietsslang der Meinung, daß die Einstellung der Mannschaft grundsätzlich vor dem Spiel und nicht immer wieder mal während der 90 Minuten zu erfolgen hat.

Und auch seine Spieler sehen rot, wenn Arminias Trainer aufgebracht in Richtung Schiedsrichter stürmt, um bei dem guten Herrn Schräer den Pfiff für ein Foul oder eine andere Regelwidrigkeit anzumahnen. Reizfigur Ernst Middendorp? Na klar! "Gegen den zu gewinnen macht besonders Spaß", grinst ein Auswechselspieler des VfR, der von despektierlichen Äußerungen des Arminencoaches an die Adresse der Sölder gehört haben will und deshalb "nen extra Schippken Kampf" draufpackt. Dementsprechend gehen die Sölder zur Sache, und dementsprechend überschwenglich ist der Jubel, als das 2:0 über den bisher ungeschlagenen Spitzenreiter an diesem Dezembertag im Jahre 1989 feststeht: Schließlich hat man nicht elf oder dreizehn, sondern (den Trainer mitgerechnet) gleich 14 Bielefelder besiegt.

Auch Coach Ernst Middendorp kann nicht gut mit Ingo Peter und mit Sölde. Zu spüren ist das aber nur während der 90 Minuten, wenn es hin und wieder hitzige Wortwechsel und abfällige Gesten gibt. Und sogar in einer Szene fast ein Handgemenge, als Middendorp nach einem bösen Foul an Christian Knehans unmittelbar von der Bank zur Selbstjustiz schreitet und sich den Sünder wortreich vornimmt. Bei soviel wütendem Geplänkel will auch der Linienrichter qualitativ nicht zurückstehen. "Setz dich auf deinen Hintern!" fordert er Middendorp auf, wobei er allerdings für 'Hintern' ein weit unfeineres Wort gebraucht, und "Halt's Maul!" faucht er Peter an, als der sich bei ihm über eine Entscheidung beschwert.

Nach dem Spiel gibt sich Ernst Middendorp dann als fairer Verlierer und zeigt Größe, als er höflich die Stärke der Gastgeber an diesem Tage anerkennt. "Wir saßen zu dicht aufeinander", erklärt er die kleinen Reibereien aus der räumlichen Nähe der Trainerbänke. Kein böses Wort mehr, nur die eigene Mannschaft bekam noch ihr Fett weg. Das war's. Die Beleidigungen seien doch eher lustig gewesen, wenigstens hätten sie niemanden eine Geldstrafe eingebracht, fällt Ingo Peters Urteil über die angespannte Atmosphäre abschließend beinahe gemütlich aus. Wir merken uns: Wenn zwei sich nicht mögen, dann haben sie beim Fußball am Spielfeldrand einen herrlichen Freiraum, um sich das auch zu sagen.

Ingo Peter wurde später selber mal Trainer bei der Arminia, mit mäßigen Erfolg, und bei einer der ersten Amtshandlungen von Neu-Manager Rüdiger Lamm im Februar 1994 von seinen Aufgaben entbunden. (NW)


Die Leiden des jungen Ernst M.

Mild ist das letzte Lächeln, das mir Ernst Middendorp kurz und freundlich hinwirft. So als wolle er, bevor es losgeht, noch ein bißchen Mitleid zeigen. Denn er weiß es besser als die meisten einzuschätzen, was hier gleich abgeht. Weiß, wie einem das Herz gepreßt wird, wenn alle fünf Sinne Akkord arbeiten, wenn nur wenige Schritte entfernt der Ball durch die Spielerreihen rollt und man ihn nicht berühren darf. Gestern gehörte ich zur 'Arminen-Bank'. Neutral - das sei vorweg gesagt - kann man hier als Berichterstatter unmöglich bleiben; und am Ende, nach den 90 Minuten, werde ich auch - allerdings als letzter sitzend - innerlich über diesen großen 6:1 Erfolg jubeln.

Anpfiff! Ernst Middendorp hockt nur drei Sekunden in dem kleinem Bunker links neben der 'Bank'. Dann springt er auf, der Tanz beginnt. Und es wird an diesem Sonntagnachmittag exakt bis zur 86. Spielminute dauern, ehe sich Arminias Trainer wieder an seine Stelle begibt, die eigentlich für ihn bestimmt ist. Hier stehe ich, hier leide ich, ich kann nicht anders. Es ist Arbeit. Harte Anfeuerungsarbeit, für Middendorp 90 Minuten lang. Sie wirkt auf den Betrachter fast immer vergeblich. Der Trainer - ein einsamer Rufer in der Wüste von 18.000 Stimmen.

"Gooolooooo. Goooloooo!" So viel Phon. Doch Andreas Golombeck hört die Botschaft nicht. Trabt so etwa 50 Meter weg auf seiner Bahn, der Trainer könnte die taktischen Anweisungen in diesem Meer der Laute selbst per Megaphon nicht an sein Ohr bringen. Aber jetzt. "Christian, Christian, Christiaaan!" Sieben Anläufe nimmt Ernst Middendorp, bis Knehans, nur 20 Meter entfernt, versteht. Der Trainer gibt alles. "Bewegen, bewegen da vorne ein bißchen!" Er selbst ist ständig in Bewegung. Zuckt, vibriert, wirbelt, dreht Pirouetten auf dem Rasen, rast nach 14 Minuten plötzlich los auf den Linienrichter, stoppt im letzten Moment, kommt zurück und wird vom Schiedsrichter Dorumat zur Rechenschaft gezogen.

"Mensch, Ernst, bleib hier", mahnt Konditionstrainer Bruno Heyne immer wieder. Doch dieser Ernst ist schon wieder unterwegs. Hart sind seine Gesichtszüge. Dramatisch seine wilde Körpersprache. Grenzen gibt es nicht. Middendorp zuckt mit Gliedmaßen, strampelt mit den Beinen, gibt irgendwelche Stakkatozeichen mit den Händen. Er schaut hin und wendet sich im gleichen Moment wieder ab. Ich bin Zeuge: In diesem Menschen verbrennen jetzt pro Fußballminute so etwa 75 Kilogramm pure Energie. Und dann die 23. Minute. Der Lonnemann, 'sein Mann' und Kapitän, macht 'das Ding' zum 1:0. Da springen sie alle auf von der Bank, die Arminen. Der Arzt Neundorf, der Konditionstrainer Heyne, Westerwinter, Geideck, Tonn - alle rennen los, und vorneweg sprintet Middendorp auf den Schützen zu, umarmt ihn. "Jaaaah, super", und Händeklatschen. Und schon wieder die Anfeuerung. "Weiter, weiter, weiter!" Das Schreien hinterläßt tiefe Spuren auf den Stimmbändern. Middendorp hustet. Doch dann, nach 37 Zeigerumdrehungen, entlädt sich erneut alles. Goal durch 'Golo', da springt der Trainer hoch wie zum Kopfball, steht fast in der Luft, ballt die Fäuste. "Guuut, gut."

Dennoch: Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Der Gegentreffer. Middendorp bläht die Backen, atmet tief. Alles ist wieder offen und spannend. Halbzeit. "Es war ganz ruhig in der Kabine", sagt Neundorf, doch jetzt kocht man hier schon wieder im Fegefeuer an der Außenlinie. Nur die Auswechselspieler schweigen. Sitzen stumm da, warten auf ein Zeichen. Jubeln bei Toren - sonst (fast) nichts. Derweil Ernst Middendorp weiter Schwerstarbeit leistet. Als Christian Knehans das 3:1 markiert, geht es ein bißchen besser. Middendorp kommt zurück von seinem weiten Gratulationsausflug. Euphorisch und doch höchst konzentriert. Redet hektisch, aber bestimmt auf Frank Geideck ein, dem Auswechselspieler. "Sag dem Yves noch mal Bescheid, er soll mit dem Hardes in die Mitte gehen." Letzte Tipps. Im Hades sind noch Plätze frei. Im Arminen-Himmel heute auch. Und nach 86 Spielminuten (gerade heißt es 6:1) setzt Ernst Middendorp sich endlich wieder hin. Lehnt sich zurück. Hebt zwei Finger zum V. 'Victory' (Sieg)? Nein! "Noch zwei Minuten!" Und dann plötzlich (sehr heiser und wie ein Wunder noch laut): "Goolooooo, Gooolooooo! Los, komm noch mal!"

(Hubertus Gärtner (NW) beobachtete Ernst Middendorp beim fulminanten 6:1 über Paderborn am 12. November 1989 ganz genau)


Über Tische und Bänke

Arminia hatte gerade im August 1989 0:0 in Hamm gespielt. Früh in der Saison griff noch nicht jedes Rädchen ins andere. Ernst Middendorp war aber nicht ganz unzufrieden und suchte bei der Pressekonferenz das Positive. Er sei, sagte er, "von der kämpferischen Seite voll einverstanden", denn ein jeder hätte "auf seiner Position gut gearbeitet". Im Spiel nach vorne habe es hin und wieder leichte Stockungen gegeben. Eigentlich aber, dem Spielverlauf aus seiner Sicht nach zu urteilen, "mußten es zwei Punkte sein", erklärte er und trauerte einem nicht gegebenen Elfmeter in der letzten Spielminute nach. "Den hätten wir reingemacht!" Aber sicher doch. Ernst war relativ entspannt.

Mit der Ruhe war es allerdings sprungartig vorbei, als der Hammer Coach (!) Bobby Wischniewski nach seinem Eindruck von der Arminia gefragt wurde. War sie der erwartet starke Gegner oder hatte sie ihn eher enttäuscht? Bobby Wischniewski kam nicht zum antworten, denn Ernst Middendorp lief nun die Galle über, er 'tillte'. Wenn der Fragesteller (!) enttäuscht sei, dann habe er wohl ein anderes Spiel gesehen, und um die spielerische Verbesserung seines Teams müßten sich andere nicht den Kopf zerbrechen, denn das mache er schon selber! Sprachs, stand auf, stieg zur Überraschung der Anwesenden über Tische und Bänke und entschwand. (NW)


Lexikon Ernst Auszug
Ein Trainer hat Geduld



Fussball-Unterricht mit Ernst Middendorp:

Diese Skizze des Trainers verdeutlicht ein System
aus Mannschaft (M), Umfeld (U) und Trainer (T).
Dabei habe der Trainer, so Ernst Middendorp, die Geduld.






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