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| Ernst
Middendorp & Arminia
Bielefeld |
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JahrhundertTrainer
Anekdoten & Skandälchen
Um Ernst Middendorp ranken sich viele Geschichten
und Legenden ....
Das
Arminenherz
Wir schreiben Sonntag, den 9. Dezember 2007. Arminia hatte zwei Tage
zuvor beim 1:6 in
Dortmund eine jämmerliche Leistung abgeliefert. Alles redet
seitdem über die
mögliche Entlassung von Ernst Middendorp. Medien melden sie ab
Sonntagmorgen
gar als perfekt. Die typischen, gut unterrichteten Kreise sind bestens
informiert. Nur Ernst Middendorp nicht. Dieser "darf"
nochmals das Training leiten. Als er nach dem Training aus der Kabine
kommt und
die auf ihn gerichteten, zahllosen Kameras und Mikrofone sieht,
schüttelt Ernst nur mit dem
Kopf. »Ich sage etwas, aber nicht hier.«
Sprach's, steigt in Co-Trainer
Frank Geidecks Mini-Cooper und lässt nach 150 Metern das Auto
an der Ausfahrt
des Trainingsgeländes stoppen. Ernst steigt aus und
hält eine (Abschieds-)Rede,
die es in sich hat:
»Faktisch ist es so: Wir haben in
Dortmund als Team wieder nicht
funktioniert. Ich habe es mit Subunternehmern und Millionären
zu tun, unter
denen kein Verbund zu erkennen war. Das Grundproblem ist, dass nicht
die
Bereitschaft existiert, Dinge miteinander zu bewerkstelligen. Die Frage
ist:
Warum ist das fünf Tage vorher gegen Bayern anders, warum kann
man das nicht in
Dortmund noch mal abrufen? Wie viele Neue standen dort am Freitag denn
auf dem
Platz? Ein Neuer. Ein Neuer! Einer!
Wer hat denn die Situation im März hier bewältigt?
Wer? Wer? Sagen Sie es
ruhig. Da können die Sitzungen machen in
welchem Stall auch immer. Seit Monaten muss hier gesprochen werden.
Aber was
ist? Keiner kommt aus der Kiste. Die Spieler, deren Verträge
auslaufen – und
das sind verdiente Spieler wie Gabriel, Kauf, Hain, Böhme
– die wollen ein
Wort haben, wie es mit ihnen weitergeht. Das kann doch hier nicht jedes
Jahr
erst im Dezember sein! Seit drei Jahren warten die hier bis Dezember
auch mit
der Suche nach neuen Spielern. Man wird vertröstet. Das gilt
für einen von
Heesen, das gilt für einen Geideck, das gilt für
Middendorp. Es passiert
nichts.
Wann haben wir gespielt? Am Freitag! Seitdem warte ich auf einen Anruf
(vom
Sportgeschäftsführer Saftig), um über das
Spiel zu sprechen. Und was
passiert? Nichts passiert. Wer hat denn das Arminen-Herz? Herr Saftig?
Hier, der
hat's (deutet ins Auto von Co-Trainer Frank Geideck), der Geideck. Ich
hab's,
Kauf hat's, Böhme. Und die anderen verpissen sich! Ich bin
seit 20 Jahren
Armine! Ich wünsche noch einen schönen Tag.«
Ernst Middendorp steigt ins Auto, verlässt mit Frank Geideck
das Trainingsgelände.
Eine Handvoll Kiebitze klatscht spontan Beifall. Am nächsten
Tag wurde das
bestätigt, was längst ganz Deutschland wusste, er war
als Trainer gefeuert.
(WB)
Ein ungebetener
Gast
Der Mann war auffällig unauffällig: Baseballkappe
tief im Gesicht, die Kamera
locker in der Hand. Doch das »Kicker«-Sonderheft
verriet den Spion aus
Wolfsburg. Zwei Tage vor dem ersten Fußball-Bundesligaspiel
beim VfL Wolfsburg
(11.08.07) hatte sich gestern ein »Maulwurf« auf
dem Übungsgelände von
Arminia Bielefeld eingeschlichen. Doch Ernst Middendorp ließ
sich nicht täuschen
und stellte den »Spürhund« des
Trainerkollegen Felix Magath forsch zur Rede. »Hast
du alles, was du brauchst? Sonst schreibe ich es dir auf!«,
rief der
Bielefelder Coach, inklusive der Bitte Felix Magath einen
schönen Gruß
auszurichten, dem völlig verdutzten Wolfsburger zu, dem die
Erwiderung auf
diese direkte Ansprache im Halse stecken blieb. Ob auch er
Übungseinheiten der
Gegner beobachten lasse, ließ Middendorp offen - aber er
stellte fest: »Meine
Leute müssen in der Lage sein, Spieler ohne Fotoapparat und
Kicker-Heft zu
identifizieren.« Sein lakonisches Urteil
über den ungebetenen Gast: »Ich
denke, der hatte in den letzten Jahren keine Bundesliga-Gesichter
gesehen.« (WB)
Vier Glas Chardonnay
Es war so ein wichtiger Sieg, so ein eminent wichtiger Sieg, jenes
ruhmreiche,
unvergessene 3:2 beim VfL Wolfsburg am 21.4.07, welches einen
großen Schritt
Richtung Klassenerhalt darstellte, die Fans in einen feuchten
Freudentraumel
versetzte. Auch der mit Adrenalin vollgepumpte Ernst Middendorp wollte
das
Ergebnis angemessen begießen, was freichlich nichts
verwerfliches ist. Zuerst
war er bei seinem Griechen Vasillie in Bielefeld, nahm dort vier
Wein-Schorlen
zu sich. So weit, so gut. Danach fuhr er mit seinem schnieken Mercedes
CLS zu
seiner Wohnstätte, dem Sport-Hotel in Halle/Westfalen, wo
Arminia ihn rund 10
Kilometer vor den Toren von Bielefeld einquartiert hatte. Da es noch
früh am
Tag (kurz nach 0 Uhr), und an Schlafen nach dem Wolfsburger
Adrenalinschub nicht
zu denken war, nahm Ernst Middendorp noch an der Hotelbar Platz,
unterhielt sich
ein wenig mit einem HSV-Fan und trank vier Glas Chardonnay, welche er
um 2:12
Uhr artig bezahlte. Danach wollte er nur noch auf sein Zimmer und
schlafen, was
man prinzipiell nach vier Glas Chardonnay auch gut kann. Aber wozu ins
Bett
gehen, wenn man einen CLS 320 hat? Ein Auto, welches bequemer ist als
jedes
Schlafzimmer! Kann man schon mal verwechseln. Um 2:53 entdeckt ein
Passant den
auffälligen Wagen sperrig am Straßenrand geparkt,
mitten in Halle/Westfalen
nahe der B68, inklusive einem Insassen. Über dem Lenkrad
schlief Ernst
Middendorp friedlich den Schlaf der Gerechten. Und wer nach so einem
Tag schläft,
der schläft dann auch und lässt sich nicht ohne
weiteres wach machen. So rücken
Polizei und ein Krankenwagen aus. Und es gelingt ihnen
tatsächlich Ernst aus
den süßen, punktereichen Träumen zu holen,
was er natürlich weder belustigt,
noch verständnisvoll erwidert. Wie er denn dahin gekommen sei?
Ja keine Ahnung!
Grund genug Ernst Middendorp zwecks einer Blutprobe mit ins
nächste Krankenhaus
zu nehmen und ihm die Fahrerlaubnis umgehend zu entziehen. 1,82
Promille kamen
dabei zum Vorschein, was für vier Glas Chardonnay ein recht
ungewöhnlicher
Wert ist. Und was sagt Ernst, der künftig chauffiert wird, mit
nüchternem Kopp
dazu? „Ich kann mich nicht erinnern, wie ich dahin
gekommen bin, hatte mich
aber müde und kaputt gefühlt. Mir fehlt gedanklich ab
ca. 1.30 Uhr etwa 1
Stunde! Ein riesiges Rätsel.“ Ein
Rätsel was nicht nur rätselhaft ist,
sondern dummerweise auch noch teuer: 24.900 €.
Ein
Trainingsgelände wie Bayern
Es war ein außergewöhnlicher Meisterschaftskampf,
der in der Saison 1997/98.
Nein, nicht wegen den Bayern aus München, sondern weil der
Aufsteiger aus
Kaiserslautern drauf und dran war, den Bayern den Titel streitig zu
machen.
Arminia Bielefeld dagegen agierte von Spiel zu Spiel
unglücklicher und
verschenkte reihenweise die Punkte, der Abstieg war kaum mehr zu
vermeiden. Zu
diesem Zeitpunkt,im April 1997 stellten sich die beiden
Titelanwärter noch
auf der Alm vor. In einem denkwürdigen Spiel rangen die Bayern
der Arminia mit
viel Glück ein 4:4 ab. Gerüchte besagten, Georg Koch
hätte an jenem Tag einen
im Kahn gehabt. Und auch Oli selber guckte bei den Gegentoren ziemlich
dumm aus
der Wäsche. Arminia ließ sich im Angesicht des
Abstieges nicht hängen. Den
roten Teufeln gelang keine zwei Wochen später
ähnliches, beim 2:2 entführten
sie mit viel Dusel einen Punkt von der Alm. Dieses schien FCK Coach
Otto Rehhagel nicht gut
zu bekommen und echauffierte sich beim anschliessenden
Trainerinterview: "Geschmacklos"
sei es und "der Witz des Jahres". Aber
worüber sprach er nur?
Das Spiel war es nicht. Was war passiert? Eine Arminia-Delegation,
bestehend aus
Ernst Middendorp, Manager Rüdiger Lamm &
Manager-Zögling Thomas von
Heesen, inspizierte das Trainingsgelände (!) des FC Bayern
(!!) einen Tag (!!!)
vor der Kaiserslautern-Partie in München !!!! Arminia hatte
damals große Pläne, man orientierte sich halt nur am
Besten. Allerdings war der Besuch in München schon seit Wochen
geplant, niemand
konnte ahnen, dass das Lautern-Spiel wegen einem Castor-Transport
verschoben
werden müsse. Otto hatte seinen Rauswurf kurz vor dem UEFA-Cup
Finale 1996 bei den
Bayern aber offenbar noch nicht verdaut: "Wir hatten
hier ein
wunderschönes Hotel. Im nächsten Jahr kommen wir
gerne wieder nach
Ostwestfalen. Dann spielen wir aber nicht in Bielefeld, sondern in
Gütersloh!" (die um den Aufstieg kämpften).
Ernst Middendorp
staunte sichtlich nicht schlecht und bemerkte kopfschüttelnd
lapidar: "Das
ist für mich infantiles Gerede." Mit einer Fahrt
nach Gütersloh wurde
es übrigens nichts, die Meisterschaft sollte Otto Rehhagel
vertröstet haben.
Mit dem Taxi
auf der A2
Am 11. April 1998 verliert Arminia 0:2 beim Hamburger SV.
Niedergeschlagen stiegen
die Bielefelder in den Bus Richtung Heimat. Schauten unterwegs im
Bord-TV
"ran - Sat1 Bundesliga". Höhe Hannover wurde ihre Pleite
gezeigt. In einem TV-Interview wies
Kuntz süffisant lächelnd wieder einmal jegliche
Mitschuld an der Niederlage
von sich. Zuviel für Ernst Middendorp! Der fuhr den Busfahrer
an: „Anhalten! Ich kann
den Kerl nicht mehr sehen! Ich steige aus!“ Machte
er wirklich - und
fuhr von der Raststätte Hannover-Garbsen per Taxi
ganz alleine nach
Bielefeld zurück. Fortan nahm er
den Begriff "Kuntz" nicht mehr in den Mund. Sprach nur noch von
„meiner Nummer
11“. Präsident Schwick zu der Fahrt:
"Die 220 DM dafür muss er
selbst bezahlen."
Sechs Tage zuvor war Ernst Middendorp noch Gast in der SAT1
Fußballsendung
"ranissimo". Dort gab Günther Kraume, der Konditor seines
Vertrauens,
ihm den Tipp per Einspieler: "Ruhig mal gelassener zur Tat
schreiten." Ernst quittierte den gut gemeinten Ratschlag mit
einem
Augenzwinkern, wohl wissend, dass ihm die Umsetzung schwer fallen
würde.
Immerhin hat er fast eine Woche durchgehalten.
Von
Bratwürsten und Schweinen
Nach dem Bielefelder 3:5 Sieg beim 1. FC Köln am 22.11.97
lagen die Nerven im Müngersdorfer
Stadion auf allen Seiten blank. Während einige Kölner
Fans am Marathon-Tor "wenn
wir absteigen, schlagen wir euch tot" und "Scheiss
Millionäre" krakeelten, konnte auch Ernst
Middendorp sich nicht so recht freuen, zu viel hatte sich angestaut,
und holte
zum Rundumschlag gegen die lokale Journalie aus, die seit Wochen keine
Gelegenheit ausließ, um ihn zu provozieren. Radio Bielefeld
Reporter Roman
Wittemeier interviewte gerade Arminas Jörg Bode, als
plötzlich Ernst
Middendorp um die Ecke kam. Der Trainer drückte das Mikrofon
zur Seite und
knurrte aufbrausend: "Hauen Sie ab, Sie A*******h, Sie
Schwein, nehmen Sie das Mikro
weg!" Und vergab darüber hinaus die
schlimmste Beleidigung im Fußball
überhaupt: "Knien Sie nieder, Sie Bratwurst!"
Eines muss man dem guten Ernst lassen, auch in Phasen höchster
Erregung bewahrt er die Form und siezt seinen Gegenüber. Das
war jedoch noch nicht
alles. Bei der kurz darauf folgenden
Pressekonferenz präzisierte der zornige
Fußball-Lehrer seine Ansichten über Journalisten
in einer Sprache, die auf dem Fußballplatz jeder
versteht:
"Ich bin im Moment in so einer Situation, muss ich
sagen, wo es sehr
schweinisch ist, was halt eben dort mir begegnet. [...] Ich habe also
immer auch
akzeptiert, wenn gesagt wurde: 'Kuntz gewinnt das Spiel, Reina gewinnt
das Spiel,
Bode gewinnt das Spiel' , alles klar, alles ok, nur bitte ein wenig
mehr Achtung
insgesamt vor den Trainern, den sportlich Verantwortlichen, das erwarte
ich
einfach und da kotz ich mich auch mal aus!" (Die
komplette Rede
gibts in unserer Video-Abteilung :-)
Damit leistete er sich den Ausraster der Saison. Der so oft
mißverstandene Pädagoge Ernst
Middendorp, mit dessem Intellekt so mancher überfordert
schien, konnte sich nun wirklich sicher sein, dass die
Empfänger diese
Sendung klar, deutlich und ohne Fehlinterpretation entgegennehmen
würden. Peter
Neururer ungefragt zum Thema: "Der Ernst hat sich nun selbst
als
Feindbild der Journaille in Beton gegossen.“
Im DSF verteidigte allerdings Arminen-Manager Rüdiger Lamm
seinen Trainer: "Solche
Geschichten entstehen nur dadurch, daß man ihn nicht kennt." Wohl
wahr, gilt Ernst Middendorp doch abseits des Spielbetriebes als
äußerst
umgänglicher Zeitgenosse. Aber musste ausgerechnet
Rüdiger Lamm ihn in Schutz
nehmen? Dieser gab wenige Wochen zuvor Jutta Küster, ebenfalls
Radio Bielefeld,
die Empfehlung: "Lecken Sie mich doch da, wo Sie es am
liebsten
haben!" Und zahlte dafür brav 3.500 DM.
Mit 42 fast im Tor
Ich hatte eigentlich schon aufgehört. Ernst Middendorp war
damals noch Trainer,
und es stand ein Spiel gegen Paderborn an. Am Tag vorher hatte sich
Alexander
Ogrinc im Training den Fuß verstaucht. Obwohl Arminia zwar
damals einen
Ersatztorwart hatte, hat mich Rüdiger Lamm angerufen. Es war
Samstag morgen,
und er meinte am Telefon: "Sitzt du?" Ich
wußte nicht, warum ich mich
setzen sollte, und er meinte daraufhin, ich solle am Nachmittag
spielen. Ich
hatte ja schon zwei Jahre aufgehört, und hatte außer
ein bißchen Tennis
sportlich fast nichts gemacht, geschweige denn Torwarttraining. Ernst
Middendorp
hätte aber nun gemeint, ich sollte zum Oldentruper Hof zur
Mannschaft kommen,
denn ich sollte spielen. Ich fragte noch, wie Middendorp sich das
vorstelle, und
Lamm meinte, der Trainer wollte den anderen Torwart nicht spielen
lassen,
sondern ich sollte zum Zuge kommen. Dann bin ich halt dahin gefahren,
und habe
gesagt: "OK, mach´ ich!" Im Endeffekt
konnte Ogrinc mit einem speziellen Verband
dann doch spielen, und ich habe halt auf der Bank gesessen. Es stand
noch im
Raum, daß ich eventuell beim nächsten Spiel in
Münster auflaufen sollte,
falls die Verletzung sich ungünstig entwickeln würde,
und so habe ich mich
noch ein paar Tage mit der Mannschaft fit gehalten. Zum Einsatz bin ich
aber
dann nicht mehr gekommen.
(Wolfgang Kneib zu seinem Beinahe-Comeback mit 42 Jahren im Tor der
Arminia Ende
März 1995)
Parken wie auf
Schienen
Ernst
Middendorp, der notorisch schlecht
gelaunte Feldwebel war zu nachtschlafender Zeit angeheitert und dennoch
mit dem
Auto im ostwestfälischen Oberzentrum unterwegs. Eine
ungünstige Kombination
aus Fahruntüchtigkeit und Fahrerlaubnis, denn Middendorp
übersah die
Abbiegespur und parkte sein Gefährt auf die mittig
verlaufenden und durch
allerlei Böschung dekorierte Straßenbahnschienen
(passenderweise gegenüber dem
Bielefelder Landgericht). Und von dort gab es kein
Entrinnen, nicht nach vorne nicht nach hinten. Doch Middendorp hatte
noch eine
Volte im Gepäck. Denn zweifellos würde auch der
Polizei die Blockfahne im Atem
auffallen und der Führerschein wäre erstmal fort.
Dumme Geschichte. Also, was tun? Mit einer Draisine über
Nebenstrecken nach
Bielefeld-Hillegossen flüchten? Eine fabelhafte Idee, nur
keine Draisine in
Griffweite. Deshalb verlegte sich Middendorp auf die schlichte
Variante, klemmte
sich auf den Beifahrersitz und mimte, komatösen Tiefschlaf
vortäuschend, den
unbescholtenen Bürger. Die alsbald eintreffende Polizei weckte
den blinzelnden
Laiendarsteller und befragte ihn nach Tathergang und eventuellen
Mitfahrern. Und
Middendorp, nicht doof, verkündete, der Fahrer des Wagens habe
sich vom Acker
gemacht. Er sei zwar betrunken, aber habe vom Lenkrad die Finger
gelassen. Die
Polizeibeamten, auch nicht doof, haben ihm das nicht geglaubt, und der
Führerschein
wanderte in den Amtstresor.
(11Freunde
zur ersten "Autopanne" von Ernst
Middendorp 1992)
Die erste
Beurlaubung
Arminia Bielefeld hatte zweimal hintereinander knapp den Wiederaufstieg
in die 2. Liga verpasst. Im dritten Jahr
in der Drittklassigkeit fristete die Mannschaft von Trainer Ernst
Middendorp ein
Dasein im Tabellenmittelfeld der Oberliga Westfalen, damals die
dritthöchste
Spielklasse. Vor dem Auswärtsspiel in Paderborn hieß
es hinter vorgehaltener
Hand, wenn das Spiel verloren geht, fliegt der Trainer. Kurz vor dem
Anpfiff kam
ein Vorstandsmitglied zu mir und zeigte mir diskret einen Herren, den
ich doch
bitte unauffällig fotografieren möge. Es sei Franz
Raschid, der künftige
Trainer. Ich war ziemlich schockiert, denn das Spiel war ja noch gar
nicht
angepfiffen und Trainer Ernst Middendorp, von dem ich sehr viel hielt,
war im
Grunde schon Geschichte. Ich habe geknipst. Das Spiel ging verloren,
Middendorp,
inzwischen längst ein Freund, wurde von dem ehemaligen
Uerdinger
Bundesliga-Profi Franz Raschid abgelöst. Nach dem
Paderborn-Spiel musste ich
dann – gegen meine eigene Überzeugung – in
der offiziellen Vereinspostille,
die in hoher Auflage als Beilage einer Tageszeitung erschien, eine
Rechtfertigung für den Middendorp-Rausschmiß
schreiben. Bis heute eine meiner
schwierigsten Aufgaben im Printbereich. Diese Geschichte habe ich erst
letzten
Samstag, bei einem gediegenen Fischessen aus Anlass des Arminia-Sieges
in
Wolfsburg, auf englisch der südafrikanischen
Lebensgefährtin von Ernst Middendorp
verklickert. "...It was very difficult for me."
Die Dame, selbst
Autorin, hatte Verständnis für meinen damaligen
Zwiespalt. Ernst selbst wollte
vor allem wissen, was ich denn damals, nach dem
Paderborn-Spiel geschrieben
hätte. "Irgendwas, mit dem alle Seiten leben
konnten", habe ich
gesagt. Wir waren ja zum Feiern gekommen...
(Frank Rischmüller,
ehemals Radio Bielefeld,
zu der ersten
Entlassung von Ernst Middendorp im Oktober 1990)
Gute Freunde kann niemand trennen
"Setz dich endlich hin, du Theoretiker!"
Söldes Trainer Ingo Peter, der beim Hinspiel in Bielefeld
weges eines 'Osterhasen' in Richtung Linienrichter mit 800 DM
Geldstrafe belegt wurde, mag sein Pendant Ernst Middendorp offenbar so
wenig, daß er entgegen seiner sonstigen Gewohnheit schon
wieder nicht an sich halten kann. Vor allem Middendorps auffordernde
Kommentare von der Seitenlinie sind es, die den Coach des
Oberliga-Aufsteigers VfR Sölde in Rage bringen.
"Wenn der meint, datter den Fußball erfunden hat, warum rennt
er dann immer auffen Platz?" Peter ist, wie nicht wenige
andere, im schönsten Ruhrgebietsslang der Meinung,
daß die Einstellung der Mannschaft grundsätzlich vor
dem Spiel und nicht immer wieder mal während der 90 Minuten zu
erfolgen hat.
Und auch seine Spieler sehen rot, wenn Arminias Trainer aufgebracht in
Richtung Schiedsrichter stürmt, um bei dem guten Herrn
Schräer den Pfiff für ein Foul oder eine andere
Regelwidrigkeit anzumahnen. Reizfigur Ernst Middendorp? Na klar!
"Gegen den zu gewinnen macht besonders Spaß",
grinst ein Auswechselspieler des VfR, der von despektierlichen
Äußerungen des Arminencoaches an die Adresse der
Sölder gehört haben will und deshalb "nen
extra Schippken Kampf" draufpackt. Dementsprechend gehen die
Sölder zur Sache, und dementsprechend überschwenglich
ist der Jubel, als das 2:0 über den bisher ungeschlagenen
Spitzenreiter an diesem Dezembertag im Jahre 1989 feststeht:
Schließlich hat man nicht elf oder dreizehn, sondern (den
Trainer mitgerechnet) gleich 14 Bielefelder besiegt.
Auch Coach Ernst Middendorp kann nicht gut mit Ingo Peter und mit
Sölde. Zu spüren ist das aber nur während
der 90 Minuten, wenn es hin und wieder hitzige Wortwechsel und
abfällige Gesten gibt. Und sogar in einer Szene fast ein
Handgemenge, als Middendorp nach einem bösen Foul an Christian
Knehans unmittelbar von der Bank zur Selbstjustiz
schreitet und sich den Sünder wortreich vornimmt. Bei
soviel wütendem Geplänkel will auch
der Linienrichter qualitativ nicht zurückstehen.
"Setz dich auf deinen Hintern!" fordert er
Middendorp auf, wobei er allerdings für 'Hintern'
ein weit unfeineres Wort gebraucht, und "Halt's
Maul!" faucht er Peter an, als der sich bei ihm über
eine Entscheidung beschwert.
Nach dem Spiel gibt sich Ernst Middendorp dann als fairer Verlierer und
zeigt
Größe, als er höflich
die Stärke der Gastgeber an diesem Tage anerkennt.
"Wir saßen zu dicht aufeinander", erklärt
er die kleinen Reibereien aus der räumlichen Nähe der
Trainerbänke. Kein böses Wort mehr, nur die eigene
Mannschaft bekam noch ihr Fett weg. Das war's. Die Beleidigungen seien
doch eher lustig gewesen, wenigstens hätten sie niemanden eine
Geldstrafe eingebracht, fällt Ingo Peters Urteil über
die angespannte Atmosphäre abschließend beinahe
gemütlich aus. Wir merken uns: Wenn zwei sich nicht
mögen, dann haben sie beim Fußball am Spielfeldrand
einen herrlichen Freiraum, um sich das auch zu sagen.
Ingo Peter wurde später selber mal Trainer
bei der Arminia, mit mäßigen Erfolg,
und bei einer der ersten Amtshandlungen von Neu-Manager
Rüdiger Lamm im Februar 1994 von seinen Aufgaben entbunden.
(NW)
Die Leiden des jungen Ernst M.
Mild ist das letzte Lächeln, das mir Ernst Middendorp kurz und
freundlich
hinwirft. So als wolle er, bevor es losgeht, noch ein bißchen
Mitleid zeigen.
Denn er weiß es besser als die meisten
einzuschätzen, was hier gleich abgeht.
Weiß, wie einem das Herz gepreßt wird, wenn alle
fünf Sinne Akkord arbeiten,
wenn nur wenige Schritte entfernt der Ball durch die Spielerreihen
rollt und man
ihn nicht berühren darf. Gestern gehörte ich zur
'Arminen-Bank'. Neutral - das
sei vorweg gesagt - kann man hier als Berichterstatter
unmöglich bleiben; und
am Ende, nach den 90 Minuten, werde ich auch - allerdings als letzter
sitzend -
innerlich über diesen großen 6:1 Erfolg jubeln.
Anpfiff! Ernst Middendorp hockt nur drei Sekunden in dem kleinem Bunker
links
neben der 'Bank'. Dann springt er auf, der Tanz beginnt. Und es wird an
diesem
Sonntagnachmittag exakt bis zur 86. Spielminute dauern, ehe sich
Arminias
Trainer wieder an seine Stelle begibt, die eigentlich für ihn
bestimmt ist.
Hier stehe ich, hier leide ich, ich kann nicht anders. Es ist Arbeit.
Harte
Anfeuerungsarbeit, für Middendorp 90 Minuten lang. Sie wirkt
auf den Betrachter
fast immer vergeblich. Der Trainer - ein einsamer Rufer in der
Wüste von 18.000
Stimmen.
"Gooolooooo. Goooloooo!" So viel Phon.
Doch Andreas Golombeck
hört die Botschaft nicht. Trabt so etwa 50 Meter weg auf
seiner Bahn, der
Trainer könnte die taktischen Anweisungen in diesem Meer der
Laute selbst per
Megaphon nicht an sein Ohr bringen. Aber jetzt. "Christian,
Christian,
Christiaaan!" Sieben Anläufe nimmt Ernst
Middendorp, bis Knehans, nur
20 Meter entfernt, versteht. Der Trainer gibt alles. "Bewegen,
bewegen
da vorne ein bißchen!" Er selbst ist
ständig in Bewegung. Zuckt,
vibriert, wirbelt, dreht Pirouetten auf dem Rasen, rast nach 14 Minuten
plötzlich los auf den Linienrichter, stoppt im letzten Moment,
kommt zurück
und wird vom Schiedsrichter Dorumat zur Rechenschaft gezogen.
"Mensch, Ernst, bleib hier", mahnt
Konditionstrainer Bruno
Heyne immer wieder. Doch dieser Ernst ist schon wieder unterwegs. Hart
sind
seine Gesichtszüge. Dramatisch seine wilde
Körpersprache. Grenzen gibt es
nicht. Middendorp zuckt mit Gliedmaßen, strampelt mit den
Beinen, gibt
irgendwelche Stakkatozeichen mit den Händen. Er schaut hin und
wendet sich im
gleichen Moment wieder ab. Ich bin Zeuge: In diesem Menschen verbrennen
jetzt
pro Fußballminute so etwa 75 Kilogramm pure Energie. Und dann
die 23. Minute.
Der Lonnemann, 'sein Mann' und Kapitän, macht 'das Ding' zum
1:0. Da springen
sie alle auf von der Bank, die Arminen. Der Arzt Neundorf, der
Konditionstrainer
Heyne, Westerwinter, Geideck, Tonn - alle rennen los, und vorneweg
sprintet
Middendorp auf den Schützen zu, umarmt ihn. "Jaaaah,
super",
und Händeklatschen. Und schon wieder die Anfeuerung. "Weiter,
weiter,
weiter!" Das Schreien hinterläßt tiefe
Spuren auf den Stimmbändern.
Middendorp hustet. Doch dann, nach 37 Zeigerumdrehungen,
entlädt sich erneut
alles. Goal durch 'Golo', da springt der Trainer hoch wie zum Kopfball,
steht
fast in der Luft, ballt die Fäuste. "Guuut, gut."
Dennoch: Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Der Gegentreffer.
Middendorp
bläht die Backen, atmet tief. Alles ist wieder offen und
spannend. Halbzeit. "Es
war ganz ruhig in der Kabine", sagt Neundorf, doch jetzt
kocht man hier
schon wieder im Fegefeuer an der Außenlinie. Nur die
Auswechselspieler
schweigen. Sitzen stumm da, warten auf ein Zeichen. Jubeln bei Toren -
sonst
(fast) nichts. Derweil Ernst Middendorp weiter Schwerstarbeit leistet.
Als
Christian Knehans das 3:1 markiert, geht es ein bißchen
besser. Middendorp
kommt zurück von seinem weiten Gratulationsausflug. Euphorisch
und doch höchst
konzentriert. Redet hektisch, aber bestimmt auf Frank Geideck ein, dem
Auswechselspieler. "Sag dem Yves noch mal Bescheid, er soll
mit dem
Hardes in die Mitte gehen." Letzte Tipps. Im Hades sind noch
Plätze
frei. Im Arminen-Himmel heute auch. Und nach 86 Spielminuten (gerade
heißt es
6:1) setzt Ernst Middendorp sich endlich wieder hin. Lehnt sich
zurück. Hebt
zwei Finger zum V. 'Victory' (Sieg)? Nein! "Noch zwei
Minuten!"
Und dann plötzlich (sehr heiser und wie ein Wunder noch laut):
"Goolooooo,
Gooolooooo! Los, komm noch mal!"
(Hubertus Gärtner (NW) beobachtete Ernst Middendorp beim
fulminanten 6:1 über
Paderborn am 12. November 1989 ganz genau)
Über Tische und Bänke
Arminia hatte gerade im August 1989 0:0 in Hamm gespielt. Früh
in der Saison
griff noch nicht jedes Rädchen ins andere. Ernst Middendorp
war aber nicht ganz
unzufrieden und suchte bei der Pressekonferenz das Positive. Er sei,
sagte er, "von
der kämpferischen Seite voll einverstanden", denn
ein jeder hätte "auf
seiner Position gut gearbeitet". Im Spiel nach vorne habe es
hin und
wieder leichte Stockungen gegeben. Eigentlich aber, dem Spielverlauf
aus seiner
Sicht nach zu urteilen, "mußten es zwei Punkte sein",
erklärte er und trauerte einem nicht gegebenen Elfmeter in der
letzten
Spielminute nach. "Den hätten wir reingemacht!"
Aber sicher
doch. Ernst war relativ entspannt.
Mit der Ruhe war es allerdings sprungartig vorbei, als der Hammer Coach
(!)
Bobby Wischniewski nach seinem Eindruck von der Arminia gefragt wurde.
War sie
der erwartet starke Gegner oder hatte sie ihn eher enttäuscht?
Bobby
Wischniewski kam nicht zum antworten, denn Ernst Middendorp lief nun
die Galle
über, er 'tillte'. Wenn der Fragesteller (!)
enttäuscht sei, dann habe er wohl
ein anderes Spiel gesehen, und um die spielerische Verbesserung seines
Teams
müßten sich andere nicht den Kopf zerbrechen, denn
das mache er schon selber!
Sprachs, stand auf, stieg zur Überraschung der Anwesenden
über Tische und
Bänke und entschwand. (NW)
Fussball-Unterricht mit Ernst Middendorp:
Diese Skizze des Trainers verdeutlicht ein System
aus Mannschaft (M), Umfeld (U) und Trainer (T).
Dabei habe der Trainer, so Ernst Middendorp, die Geduld.

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